Der Ansprechpartner bei dem US-Konzern erhielt deshalb noch am selben Tag, dem 6. Juni, eine kritische Rückmeldung von Ströer: "Es sieht so aus, als hätte das Entwicklerteam lediglich ein Pflaster auf die Wunde geklebt, ohne die eigentliche Ursache zu beheben." Auf eine weitere Nachfrage folgte schließlich Googles Ankündigung, ein gemeinsames Gespräch anzusetzen.
Dieses kam am 30. Juni zustande: Hochrangige Google-Vertreter erklärten dabei, dass eine Lösung gefunden und auch programmiert worden sei. Die Apps, Webseiten und Programme zur Nutzung von Gmail bekommen demnach weltweit größere Aktualisierungen. Google bestätigte das der Redaktion. Man arbeite an weiteren Verbesserungen der Übersetzungsfunktionalität und werde sie in den kommenden Wochen einführen. Gleichzeitig prüfe Google auch, wie sichergestellt werden kann, dass die automatische Übersetzung für Nutzer klar erkennbar und nachvollziehbar ist.
Bemerkenswert: Das aufgetauchte Problem stellt sich bei deutschen E-Mail-Anbietern nicht. In den Postfächern von gmx.de und web.de des deutschen Anbieters 1&1 Mail & Media Applications unterstützt KI zwar bei der Spam-Bekämpfung, der Account-Sicherheit und der automatischen Sortierung von E-Mails in Kategorien. Ein Sprecher des Unternehmens sagte zu t-online, alle KI-Features würden im Einklang mit der europäischen Datenschutz- und KI-Gesetzgebung angeboten – "und nur, wenn KI unseren über 35 Millionen Nutzerinnen und Nutzern in Deutschland einen wirklichen Mehrwert bietet". KI-Übersetzungen gibt es dort nicht.
Auch bei der Deutschen Telekom, die ebenfalls einen E-Mail-Dienst betreibt, sieht man keinen Grund, "wieso man dem Nutzer vorgreifen und antizipieren sollte, dass er eine E-Mail nicht im Original möchte". Ein Sprecher sagte t-online zudem, dass automatische Erkennung und Übersetzung von E-Mails nicht eingesetzt würden und nicht geplant seien. Es gebe seitens der Nutzer kein größeres Interesse daran, wie die Marktforschung ergeben habe. Eher gehe es darum, von KI Antworten auf E-Mails formulieren zu lassen.
Ganz anders Google: Der US-Konzern hatte schon 2012 die Integration der automatischen Übersetzungstechnologie in Gmail für alle seine Nutzer verkündet. 2023 meldete das Unternehmen, dass nach Jahren, in denen "unsere Nutzer E-Mails bequem in über 100 Sprachen in Gmail im Web" übersetzten, die Funktion nun auch für Apps verfügbar gemacht werde. Dabei wurden immer wieder Änderungen vorgenommen, wie Google erklärt. Manche Versionen lösten offenbar die Geisterübersetzungen aus, ohne dass Google selbst es zunächst feststellte.
Größere Probleme mit automatischer Erkennung und folgenden fehlerhaften Übersetzungen waren bisher nicht bekannt. Und mit den jetzt kommenden verbesserten Gmail-Versionen soll sich die KI nicht mehr so leicht von dem englischsprachigen Code ablenken lassen, wenn sie entscheidet, in welcher Sprache ein Text verfasst ist und ob er wirklich übersetzt werden muss.
Das ist jedoch durchaus komplex, heißt es von führenden deutschen Wissenschaftlern des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DKFI). In Saarbrücken leitet Josef van Genabith dort den Forschungsbereich Sprachtechnologie und Multilingualität und ist Lehrstuhlinhaber für übersetzungsorientierte Sprachtechnologien der Universität des Saarlandes.
Diese Befehle zur Darstellung, das sogenannte Markup, seien technisch eng mit dem jeweiligen Text verzahnt, erklärt er: "Der Text ist kein separates Element, das nur aus diesen Worten besteht. Damit er in der E-Mail oder auf einer Webseite grafisch ansprechend dargestellt werden kann, braucht es an vielen Stellen Textauszeichnung." Diese nutzen in der Regel englische Codewörter und könnten die Spracherkennung durcheinandergebracht haben.
Google habe mit einem großen Team hervorragender Entwickler eigentlich sehr gute Lösungen zur Unterscheidung und zur Detektion geschaffen. Dabei handele es sich in der Regel um einzelne Modelle für gezielte Anwendungsbereiche, weil sie geringeren Rechen- und Strombedarf haben als große KI-Assistenten wie ChatGPT oder Gemini. Die für sich reibungslos funktionierenden Module könnten aber im Zusammenspiel Konflikte erzeugen.
Dass in den Postfächern von Gmail Sprache falsch detektiert und übersetzt wird, bezeichnet van Genabith als "eher ein Kuriosum" und stellt klar: "Dem nachzugehen und es abzustellen, ist aber wichtig." Google habe schließlich eine enorme Zahl von Nutzern, "und es soll ja keine Fake News erzeugen".
Google selbst schließt aus, dass es bei Falschübersetzungen von Wörtern wie "ukrainisch" oder "israelisch" in "amerikanisch" oder "russisch" im Unternehmen Manipulation oder politisch motivierte Eingriffe gab: "Wir sind davon überzeugt, dass es sich um ein technisches Problem handelt."
Die Wissenschaftler am DFKI teilen die Auffassung. Van Genabiths Stellvertreter Simon Ostermann: "Wenn ein Modell dazu gezwungen ist, von Deutsch nach Deutsch zu übersetzen, wozu es natürlich nicht trainiert wurde, kann es halluzinieren." Das Ersetzen von Nationalitäten – also das oben genannte Beispiel der Soldaten – könne ein statistisches Fragment sein: "Denkbar ist, dass das Wort 'russisch' in den Trainingsdaten einfach häufiger vorkommt, daher wird es als wahrscheinlicher eingesetzt." Das sei aber nur eine Vermutung.
Unterm Strich bleiben ein gravierendes Problem und ein großer Vertrauensverlust, den Google den E-Mail-Nutzern und dem Nachrichtenportal t-online zugefügt hat. Bis die technischen Verbesserungen in den E-Mail-Postfächern aller Gmail-Nutzer ankommen, kann es noch Wochen dauern. Es wird also weiter "gegeist".


