CumEx-Files 2.0 – Der skandalöse Steuerraub geht weiter
Es ist der größte Steuerraub der Geschichte. Drei Jahre nach Veröffentlichung der CumEx-Files zeigt eine internationale Medienkooperation unter Leitung von CORRECTIV, wie Steuerzahler weltweit um 150 Milliarden Euro betrogen wurden. Ein Insider berichtet über die grenzenlosen Deals, Finanzexperten halten den Steuerbetrug noch immer für möglich und Behörden lehnen eine Verantwortung ab.
CumEx-Files
Story
Er wurde reich, mit unserem Geld. Jetzt lebt er in Dubai. Manche sagen: Er versteckt sich.
Der Mann, der über eine Milliarde Euro aus den Steuerkassen mehrerer Staaten geraubt haben soll, sitzt jetzt in einem Restaurant mit Blick auf einen saftgrünen Golfplatz. Draußen schiebt sich die Hitze durch die Wüste. Weiter hinten erhebt sich die Skyline von Dubai. Der Investmentbanker Sanjay Shah ist hier, um seine Version der Geschichte zu erzählen. Staatsanwälte in mindestens vier Ländern ermitteln gegen ihn wegen sogenannter Cum-Ex-Deals, auch in Deutschland. Allein in Dänemark geht es um einen siebenstelligen Betrag. Shah aber sagt, er sei nicht schuld: „Wenn da auf einem großen Schild ,Bitte greifen Sie zu‘ steht – dann greife ich zu oder jemand anders tut es.“
Unbeirrt wiederholt er: Alles, was er tat, sei legal gewesen.
Selbstverständlich gilt auch für Menschen wie Shah die Unschuldsvermutung. Allerdings dürfte es eng für Shah werden, denn inzwischen hat sich der Bundesgerichtshof in Deutschland mit den Deals befasst, die Shah für legal hält. Das Ergebnis des Bundesgerichtshofs in den anderen Fällen war eindeutig: Steuerhinterziehung. Cum-Ex-Geschäfte sind in der Regel illegal. Strafbar.
Der Banker Shah zählte lange zu den Gewinnern eines gewaltigen, wohl betrügerischen Verwirrspiels, bei dem ein Netzwerk aus Banken, Beraterinnen und Investoren mit Tricks, Leerkäufen und ausgeklügelten Handelsmustern Milliarden öffentlicher Gelder ergaunerten – bis auf wenige Ausnahmen straflos, weil viele Staaten sie quasi gewähren ließen.
Die Betrüger agieren auf einem rasanten, globalisierten Markt mit hochkomplexen Regeln. Auf der anderen Seite stehen überlastete Behörden, schwerfällige Verfahren, starre Strukturen und das Zuständigkeiten-Patchwork der Verwaltung.
Im Jahr 2018, als viele glaubten, Cum-Ex-Geschäfte seien vor allem ein deutsches Problem, hat ein Team von 38 Reporterinnen und Reportern unter der Leitung von CORRECTIV enthüllt, dass die Betrüger in ganz Europa ihre Geschäfte machten. Doch schon damals dämmerte vielen der Verdacht, dass das nicht das gesamte Ausmaß war.
Drei Jahre nach der ersten Cum-Ex-Recherche hat CORRECTIV wieder eine Gruppe von 30 Journalistinnen und Journalisten zusammengebracht – diesmal von allen fünf Kontinenten. Nun lässt sich klar belegen: Das Cum-Ex-System ist global. Kein Land kann sich sicher fühlen.
2018 haben wir mithilfe von Fachleuten eine Summe errechnet, um den Schaden in Europa zu beziffern: 55,2 Milliarden Euro haben Staaten mit steuergetriebenen Deals wie Cum-Ex-Geschäften verloren.
Unsere Recherche belegt, dass die tatsächliche Dimension des Cum-Ex-Skandals noch deutlich größer ist. Die Summe, die Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern weltweit geraubt wurde, geht weit über die 55,2 Milliarden hinaus: Nach Berechnungen von Steuerfachleuten dürften es mindestens 150 Milliarden Euro sein. Fast so viel Geld wie die EU in einem Jahr ausgibt. „Der Schaden könnte sogar noch höher liegen“, sagt der Wirtschaftsprofessor Christoph Spengel, der weltweit Transaktionsdaten zusammen mit seinem Team ausgewertet hat, um die Summe zu errechnen.
Gesamter Steuerschaden
(in Mrd. Euro, 2000–2020)
Spengels Daten zeigen aber noch etwas Beunruhigendes: In Deutschland geht der Raub offenbar weiter, und zwar durch Cum-Cum-Deals, einer speziellen Form steuergetriebener Geschäfte. Der Steuerexperte Spengel sagt: „Cum-Cum-Geschäfte wurden lediglich erschwert, sie sind weiterhin möglich.“
Obwohl ein Gesetz seit 2016 genau das verhindern soll. Obwohl Politiker seitdem beteuern, dass sie nicht mehr möglich sind.
Das Bundesfinanzministerium (BMF) schreibt dazu per E-Mail an CORRECTIV und ARD-Magazin „Panorama“, dass es keine Hinweise zu konkreten Cum-Cum-Fällen nach 2016 gefunden habe. Es stehe in regelmäßigem Austausch mit den Ländern zu Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäften. Daher, schreibt das von SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz geführte Ministerium, lassen sich die von Spengel berechneten Steuerschäden „auf Grundlage der Angaben der für die Steuerverwaltung zuständigen Länder nicht bestätigen.“
Das Finanzministerium von Scholz scheint nicht die einzige Behörde zu sein, die im Kampf gegen steuergetriebene Deals versagt. Wir haben über das Informationsfreiheitsgesetz Einsicht in Akten beantragt und so einen Einblick bekommen, wie europäische Behörden hinter den Kulissen mit der Problematik der Cum-Ex-Geschäfte und anderer steuergetriebener Deals umgehen.
Das Bild ist auch drei Jahre nach den Cum-Ex-Enthüllungen verheerend. Europäische Staaten scheitern bei der Bekämpfung des systematischen Steuerbetrugs.
Es fehlt den EU-Staaten am Bewusstsein, dass sie das Problem nur gemeinsam lösen können. Aufsichtsbehörden schieben ihre Verantwortung weg und behaupten, nicht zuständig zu sein. Aber selbst, wenn sie wollen: Oft hindern Gesetze die Behörden daran, wichtige Informationen miteinander zu teilen.
Auf der anderen Seite des Atlantiks läuft es besser: Die USA haben die Deals vor einigen Jahren erfolgreich gestoppt.
Währenddessen sitzt Shah in dem Restaurant in der Wüste von Dubai und erzählt ganz offen, dass er wieder loslegen will, sobald es möglich ist. „Wenn ich die Möglichkeit hätte, Geschäfte zu machen“, sagt er. „Ich würde sofort wieder damit anfangen.“
Der Cum-Ex-Banker Sanjay Shah
Wie alle guten Verkäufer ist Sanjay Shah ein redseliger Mensch. Aber kurz vor unserem Gespräch wirkt er vorsichtig.
Die Kamera steht bereit. Doch Shah will erst beginnen, wenn sein Anwalt da ist. Der steckt noch im Verkehr.
Im weltweiten Cum-Ex-Business soll Shah einer der abgebrühtesten Trader gewesen sein. Shahs Geschäfte: Auf maximale Rendite getrimmt. Shahs Partys: Legendär. Luxusyachten, Formel-1-Wochenenden, Privatkonzerte mit Prince, Elton John oder Ed Sheeran. Deshalb ist ein Team von CORRECTIV und ARD-Magazin „Panorama“ nach Dubai gereist.
Auch wenn Shah das anders sieht – er war wohl am größten Steuerraub aller Zeiten beteiligt. Eine ganze global vernetzte Branche brachte mit komplizierten Transaktionen Finanzämter dazu, eine einmal gezahlte Steuer mehrfach zu erstatten. Anders gesagt: Es geht bei diesen Geschäften nicht nur darum, Steuern zu vermeiden – Akteure wie Shah holten sich aus den öffentlichen Kassen Gelder, die sie nie eingezahlt hatten.
Cum-Ex heißen diese Art von Deals. Bei den verwandten Cum-Cum-Geschäften tauscht man eine Aktie so, dass man nur einen Teil der anfallenden Steuer zahlt. Man nennt sie auch steuergetriebene Geschäfte, weil die Rendite vom Staat kommt. Es ist Steuergeld.
Solche Geschäfte sind gewissermaßen das perfekte Verbrechen. Kompliziert, abstrakt, weit weg von unserem Alltag. Auf den ersten Blick gibt es keine Opfer. Niemand scheint direkt betroffen.
Dabei sind wir in Wahrheit alle betroffen. Denn die Milliarden, die Banker, Investoren und Finanzinstitute den Staaten geraubt haben, fehlen woanders: Beim Bau von Schulen, bei der Bezahlung von Ärztinnen oder Pflegekräften oder der Ausbildung von Feuerwehrleuten.
Es ist Geld, das uns allen zusteht.
Wie funktioniert Cum-Ex?
Einfach erklärt: Der Staat zahlt eine nie oder nur einmal gezahlte Steuer mehrmals zurück. Damit machen die Akteure Gewinn, und die Gesellschaft verliert Milliarden an Steuergeldern, die ihr zustehen.
Eine Metapher: Man kann es sich vorstellen wie einen Betrug um Kindergeld. Bei Cum-Ex-Geschäften lassen sich Deutsche, die gar keine Kinder haben, Kinder zum Schein aus London schicken und melden sie in Deutschland an. Ohne dass die Kinder wirklich bei ihnen wohnen oder essen. Dann geben sie die Kinder an Bekannte weiter, die die Kinder auch dem Amt melden. Die Bekannten überlassen die Kinder wiederum an eine andere Familie – und so weiter. Die Kinder leben gar nicht bei den Familien, sondern werden nur zum Schein auf dem Papier angegeben.
Schlussendlich schickt man die für den Betrug ausgeliehenen Kinder nach kurzem Aufenthalt in Deutschland wieder zurück nach London. Dort werden die Kinder wieder bei ihrer Familie angemeldet. Das deutsche Amt weiß das nicht und zahlt das Kindergeld ohne Umschweife an jede der deutschen Familien, die mitgemacht haben – also gleich mehrfach – aus. Also haben Familien ohne Kinder zu Unrecht Kindergeld bekommen. Das geklaute Kindergeld teilen sich dann alle Familien. Der einzige Unterschied: Bei Betrug mit Aktien geht es jedes Mal um Millionen von Euro aus unserem Steuertopf.
Die Banker nutzen also aus, dass die Finanzämter den Betrug nicht erkennen. Am Ende fehlt Geld, das sie sich ergaunern, aber an anderen Ecken. Für die Renovierung eines Kindergartens zum Beispiel.
Und so ist der Cum-Ex-Betrug auch eine Geschichte über Ungleichheit. Banker, Broker und steinreiche Investoren – Menschen mit Macht, Geld und Privilegien – greifen in die Kassen, in die wir alle einzahlen.
In Deutschland hat der Staat allein mit Cum-Ex-Deals mehr als sieben Milliarden Euro verloren, mit Cum-Cum 28,5 Milliarden. Insgesamt knapp 36 Milliarden Euro. Das ist mehr als das Doppelte dessen, was der Afghanistan-Einsatz Deutschland in 20 Jahren gekostet hat.
Viele große und kleine Banken sind in den Skandal verstrickt, die Deutsche Bank, die Hypovereinsbank, die Commerzbank, die Hamburger Privatbank M.M. Warburg & Co. Die Affäre reicht bis in höchste politische Kreise. Der aktuelle Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD), damals Erster Bürgermeister von Hamburg, traf sich 2016 und 2017 mit dem Chef der Warburg-Bank, die mittlerweile 176 Millionen Euro aus Cum-Ex-Geschäften an den Staat zurückzahlen muss. Das Thema: Cum-Ex. Scholz streitet ab, dass er politischen Einfluss zugunsten der Bank genommen hat. An alles Weitere könne er sich nicht erinnern.
Doch Investmentbanker wie Shah interessieren sich nicht sonderlich für einzelne Länder. Warum nur Deutschland? Geld lässt sich auch in Spanien oder Frankreich, in Japan, Australien oder Südafrika verdienen. Der Marktplatz ist die ganze Welt.
Der Schaden weltweit beträgt umgerechnet mindestens 150 Milliarden Euro. Das haben wir mithilfe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern rund um den Mannheimer Wirtschaftsprofessor Christoph Spengel erstmals berechnet. „Es sind unglaubliche Milliardensummen an Steuerausfällen zu verzeichnen, diese Art der steuergetriebenen Geschäfte muss endlich gestoppt werden“, sagt Spengel zu den Ergebnissen. Er forscht seit Jahren zu steuergetriebenen Geschäften.
Das Steuergeld liegt nun auf Konten von Bankern, Tradern und Investoren. Der Banker Shah besaß zwischenzeitlich 25 Immobilien in London. Er lebt in Dubai in einer luxuriösen Villa auf der künstlichen Palmeninsel Jumeirah. Keine 10 Kilometer entfernt von der Restaurant-Bar, an der er nun steht und auf seinen Anwalt wartet.
Von hier aus organisiert er seine Verteidigung. In Dänemark, Belgien, Luxemburg und auch in Deutschland laufen Verfahren gegen ihn. Es kann sein, dass er bald sein Vermögen zurückgeben muss. Vielleicht muss er sogar ins Gefängnis.
Je enger es für Shah wird, desto mehr sucht er die Öffentlichkeit. Flucht nach vorne. Dann kommt Shahs Anwalt durch die Tür, schicker Anzug, die Turnschuhe von Prada. Dagegen wirkt Shah bodenständig. Jeans, Sneaker, T-Shirt. Shah setzt sich ins Scheinwerferlicht, zieht das T-Shirt zurecht, es kann losgehen.
Die Staatsanwältin, die Cum-Ex-Betrüger jagt
Rund 5.000 Kilometer davon entfernt sitzt die Staatsanwältin Anne Brorhilker in ihrem Kölner Büro und muss schmunzeln, als Reporter vom ARD-Magazin „Panorama“ Sanjay Shah erwähnen. Sie kennt ihn, er steht auf ihrer Liste der Beschuldigten. „Er ist sicher einer, der am meisten Risiko eingegangen ist“, sagt sie. Seine Geschäfte seien sehr auffällig gewesen, deshalb sei er schnell aufgeflogen.
Vor rund acht Jahren landete ein etwas kompliziert wirkender Fall von Finanzkriminalität auf Brorhilkers Schreibtisch. Mittlerweile ist die Jagd nach Cum-Ex-Betrügern zu ihrer Lebensaufgabe geworden. Sie ist Oberstaatsanwältin mit eigener Hauptabteilung, fast 100 Personen arbeiten für sie. Brorhilkers Job: Die Täter ermitteln und das Geld vom Staat zurückholen. Über die Jahre hat sie sich in das Thema eingearbeitet wie kaum jemand in Deutschland.
Brorhilker ist eine freundliche Frau mit trockenem Humor. „Ich finde das meistens sehr lustig, wenn mich jemand versucht anzuschreien“, sagt sie. Man kann sich vorstellen, wie das Macho-Gehabe cholerischer Banker und Rechtsanwälte an ihr abprallt wie ein Flummi von der Zimmerwand.
Sie wundert sich, warum Männer wie Shah sich so krampfhaft daran klammern, dass ihre Geschäfte legal waren. „Ich kann mir das nur so erklären, dass das Schutzmechanismen sind, um so lange wie möglich sich und seinem Umfeld eine Version von sich selbst zu präsentieren, mit der man gut leben kann“, sagt sie. Diese Männer seien es gewohnt, bewundert zu werden. Und jetzt sollen sie Straftäter sein?
Dabei sei vollkommen klar, dass Cum-Ex-Geschäfte illegal seien. Steuerhinterziehung. Punkt. Das hat im Sommer auch der Bundesgerichtshof bestätigt. Der Richter sagte, es sei um den blanken Griff in die Steuerkasse gegangen.
Mehr Personal, mehr Verantwortung und endlich ein klares Urteil vom Bundesgerichtshof. Das Jahr 2021 ist bisher ein gutes gewesen für Brorhilker und ihr Team.
Dazu ist im Sommer ein Ex-Warburg-Banker verurteilt worden, den Brorhilker angeklagt hatte. Für Cum-Ex-Geschäfte muss er fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis. Ein Jahr zuvor waren bereits zwei britische Trader zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Beide lieferten Brorhilker Informationen über Deals und Geschäftspartner, zu denen sie nun weiterarbeitet.
Cum-Fake, eine dritte Variante von Steuerbetrug
Brorhilker spricht mit Zeugen, sie wertet Börsendaten aus und durchsucht Banken. Und was sie findet, bereitet ihr Sorgen.
„Wir haben einen Anfangsverdacht, dass es neue Modelle gibt“, sagt sie. Die Ausschläge der Transaktionen rund um den Dividendenstichtag einer Aktie – dem Tag, der für diese Art von Deals wichtig ist – seien ganz ähnlich wie zu den Hochzeiten von Cum-Ex. Zudem gebe es Aussagen von Kronzeugen, Gutachten von Kanzleien, die darauf hindeuten.
Wie bitte? Man kann also weiter in Deutschland Rendite mit Steuergeld machen?
In Deutschland sollten Cum-Ex-Geschäfte seit Anfang 2012 unmöglich sein, seit 2016 auch die artverwandten Cum-Cum-Geschäfte. 2018 bekamen zwei Reporter von CORRECTIV in einer Londoner Hotelsuite ein Angebot über steuergetriebene Investments. Die beiden trafen undercover als reiche Firmenerben einen Agenten, der bei Sanjay Shah gelernt hatte. Er hatte eine Präsentation dabei: Frankreich, Italien, Spanien, dazu Norwegen, Finnland, Polen und Tschechien. Überall dort lohne es sich. Aber Deutschland sei momentan zu heiß.
Die Staatsanwältin Brorhilker und ihr Team haben auch eine Vermutung, welche Art von Geschäften gerade gut laufen könnte. Zeugen haben davon erzählt, eine Behörde in den USA hat deswegen sogar schon Bußgelder verhängt.
Der Name: Cum-Fake. Nach Cum-Ex und Cum-Cum eine dritte Variante.
Die Geschäfte haben mit einer Eigenheit an der US-Börse zu tun. Um dort mit ausländischen Aktien handeln zu können, benötigt man ein Ersatzpapier, ein sogenanntes American Depositary Receipt (ADR).
Das Instrument wurde vor knapp 100 Jahren geschaffen, um lästige Umrechnungen und die Zeitverschiebung zu umgehen und so Zeit und Geld zu sparen. Eigentlich muss hinter jedem ADR-Papier eine ausländische Aktie stecken. Pre-Release-ADRs aber können ausgestellt werden, noch bevor die dazugehörige Aktie hinterlegt ist – damit alles noch schneller geht.
Die Aktie müsste innerhalb kurzer Zeit nachgereicht werden. Aber so genau nahmen das die Trader offenbar nicht. Und so konnten sie quasi selbst ein Papier erstellen, auf dem stand, dass sie eine ausländische Aktie besaßen – obwohl das nicht stimmte. Weil es diese Aktie in Wahrheit nicht gibt, heißen die Geschäfte „Cum-Fake“-Deals.
Warum Banker überhaupt so ein Produkt handeln wollen? Zum Beispiel, um an Steuererstattungen im Ausland zu kommen, auf die sie gar keinen Anspruch haben. So jedenfalls sieht es die Aufsichtsbehörde in den USA. Seit 2017 hat sie insgesamt Strafen von umgerechnet fast 380 Millionen Euro gegen 15 Banken verhängt, Merrill Lynch, JP Morgan, Société Générale, Citibank und auch gegen die Deutsche Bank – weil sie zu lax mit den US-Ersatzpapieren umgegangen sind. Die Banken zahlten zwar die Geldstrafen, gaben aber kein Fehlverhalten zu.
Auch der Banker Sanjay Shah hat sich angeblich für Cum-Fake-Geschäfte interessiert. Vor einigen Jahren wollte er mit einem Geschäftspartner deshalb ein Büro in New York öffnen. Sein damaliger Partner, Larry Meyers, gab 2019 zu, dass er illegale Geschäfte mit Pre-Release-ADRs gemacht hatte. Aus dem Büro sei nichts geworden, sagt Shah in Dubai. „Ich war nicht dabei, weil ich keine Kapazitäten hatte. Aber ich hätte es mir näher angeschaut.“
Die US-Behörde, die die Geldstrafen verhängte, hat auffällige Geschäfte mit angeblichen portugiesischen und französischen Aktien erkannt. Sowohl Insider, Ermittler und Experten sind sich einig: Möglich sind die Geschäfte mit praktisch jeder Aktie auf der Welt – auch mit deutschen. Und mit diesem Trick bekommt man dann unter Umständen eine Steuererstattung in Deutschland.
Ist das passiert?
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sagt: Unwahrscheinlich. „Auf Grundlage der aktuell verfügbaren Informationen glaubt die deutsche Aufsichtsbehörde nicht, dass mehrfache Steuererstattungen in diesen Fällen stattgefunden haben.“ So schreibt sie es im Jahr 2019 an die Europäische Marktaufsicht ESMA. Diese hatte ihre Mitglieder, also die Aufsichtsbehörden der Staaten, nach der Veröffentlichung der CumEx-Files 2018 von CORRECTIV und Partnermedien gefragt, was sie über steuergetriebene Deals wissen.
Doch es gibt Grund, an der Darstellung der BaFin zu zweifeln. Denn eine andere deutsche Behörde schlägt ein Jahr darauf Alarm: Der Bundesrechnungshof, der den deutschen Staatshaushalt überwacht. Im Oktober 2020 veröffentlicht die Behörde eine Pressemitteilung. Der Titel: „Cum/Fake-Geschäfte: Schlupfloch für Steuerbetrug schließen“. Im dazugehörigen Bericht beschreibt die Behörde auf 23 Seiten, warum Cum-Fake-Deals in Deutschland weiter möglich sind.
Hat die BaFin also geschlafen?
Die deutsche Aufsichtsbehörde gibt auf Anfrage von CORRECTIV schriftlich zu: „Im November und Dezember 2018 fanden Erörterungen mit Ermittlungsbehörden über die Relevanz der durch die US-Börsenaufsichtsbehörde getroffenen Feststellungen zu ADR-Transaktionen im Hinblick auf Kapitalertragsteuererstattungen durch deutsche Finanzbehörden statt.“ Sie behaupten, nicht zuständig zu sein: „Die BaFin hat weder eine gesetzliche Aufgabe noch die Befugnis zur Verfolgung von Steuerstraftaten.“
Hat die Behörde Maßnahmen ergriffen, nachdem der Bundesrechnungshof auf die noch bestehenden Betrugsmöglichkeiten aufmerksam gemacht hatte? Keine Antwort. Ist die BaFin der Ansicht, dass alle Gesetzeslücken, die steuergetriebene Geschäfte in Deutschland ermöglichen, geschlossen sind? Keine Antwort.
„Hinsichtlich gesetzgeberischer Entscheidungen darf ich Sie an die zuständigen Ministerien verweisen“, schreibt die Pressesprecherin der BaFin am Ende. Also nicht zuständig.
Das Bundesfinanzministerium (BMF) unter SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz schreibt auf Anfrage von CORRECTIV und ARD-Magazin „Panorama“ dazu nur: „Dem Bundesfinanzministerium wurden von den Ländern keine Erkenntnisse für Dividenden-Arbitragegeschäfte mit ADRs für Zeiträume nach 2016 vorgelegt.“ Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und des Bundeszentralamts für Steuern seien für die Cum-Fake-Fälle vor 2016 noch nicht abgeschlossen. Das BMF schätzt allerdings bereits eine zugehörige Schadenssumme: „Das steuerliche Gesamtrisiko liegt nach bisherigen Erkenntnissen im unteren bis mittleren zweistelligen Millionenbereich.“
Zurück im Büro der Staatsanwältin Brorhilker in Köln. Wir wollen wissen: Könnte der Schaden durch Cum-Fake-Geschäfte in Europa ähnlich hoch sein wie bei Cum-Ex-Geschäften?
„Ja, das kann ich mir gut vorstellen“, sagt Brorhilker.
Das wären Milliarden.
Der Bundesrechnungshof appelliert an den Gesetzgeber, eine Cum-Ex-Staatsanwältin warnt. Und auch der Wirtschaftsprofessor Christoph Spengel ist überzeugt, dass man in Deutschland weiter steuergetriebene Deals machen kann. Und nicht nur Cum-Fake-Geschäfte, auch andere.
„Alles ist in Deutschland weiterhin möglich“, sagt er. „Das glaube ich nicht, das ist so.“
Cum-Ex-Banker Shah braucht angeblich nur einen Drucker
Wäre es nach Sanjay Shahs Eltern gegangen, dann wäre ihr Sohn Arzt geworden. So wie sein Vater. Shah studierte sogar ein paar Semester Biomedizin. „Aber ich hatte nicht die Motivation dafür“, sagt er. Viele Jahre in der Uni, danach noch eine lange Ausbildung im Krankenhaus, das war nichts für Shah. Er wollte Geld verdienen.
Shah stieg bei der Beratungsfirma KPMG ein, später lernte er bei der Bank Merrill Lynch das Handwerk: Derivate, Futures, Options, Forwards. Bei Credit Suisse lernte Shah schließlich seinen Mentor kennen, einen berüchtigten Neuseeländer: Paul Mora. Mora gilt als einer der Schlüsselfiguren hinter den Cum-Ex-Deals, heute wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht. Damals wird er Shahs Chef. „Für ungefähr ein Jahr waren es nur Paul und ich“, sagt Shah.
Als die Finanzkrise 2008 einschlug, arbeitete Shah für die Rabobank. Shah wurde entlassen und machte sich selbständig – mit der Solo Capital LLP. In Dubai erzählt Shah, was er damals dachte: Ihr wollt mich nicht? Mach ich es eben alleine – solo!
Was Shah sagt, deckt sich mit einem handschriftlichen Lebenslauf aus den CumEx-Files. Er erzählt seine Biographie als Aufstiegsgeschichte eines bescheidenen Mannes, der alles für seine Familie tut. Der eine Stiftung zur Autismus-Forschung gründet und Charity-Events mit Rockstars organisiert – weil sein Sohn Autist ist. Es ist das Bild, das er auch über seine eigenen Kanäle nach außen trägt, über Interviews auf Youtube und Videos von seinen Hunden auf Instagram. Shah, der Familienmensch.
Es gibt aber noch eine andere Version. Die, die seine Partner und Weggefährten über ihn erzählen. Shah erscheint darin als skrupelloser und extravaganter Blender.
Cowboy. Verrückter Hund. So nennt ihn Benjamin Frey, ein Weggefährte von Shah. Frey heißt eigentlich anders, er gehörte zum inneren Zirkel des Steueranwalts Hanno Berger, der als Schlüsselfigur und geistiger Vater des Cum-Ex-Skandals gilt. Auch Frey hat bei Staatsanwältin Brorhilker ausgesagt. Und er ließ sich 2018 für die CumEx-Files interviewen – unter einer aufwändigen Maske, damit niemand ihn erkennen kann. Sein damaliger Chef Berger sitzt inzwischen in der Schweiz in Haft und kämpft gegen seine Auslieferung nach Deutschland.
Fast alle Aktienhändler hätten gewusst, dass es Grenzen gibt, sagt Frey. Aber nicht Shah. Der habe es so übertrieben, dass nicht mal sein Chef Berger mit ihm Geschäfte machen wollte. Frey erinnert sich auch an die Worte eines Traders: „Shah bringt uns noch alle ins Grab.“
Anonymer Briefkasten
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Auch Martin S., einer der britischen Banker, die in Deutschland mit einer Bewährungsstrafe davonkamen, erinnert sich an einen maßlosen Angebertypen: „Shah war ein Mann, der etwas zu beweisen hatte.“ Shah habe sich einen Namen machen wollen. Deshalb die riskanten Deals. Deshalb die wilden Partys, Formel-1-Wochenenden und Privat-Konzerte mit Rockstars.
„Meine Partys waren legendär“, sagt Sanjay Shah, noch heute ein bisschen stolz. Sie seien teuer gewesen, aber dahinter steckte eine Idee: „Es war nicht nur, um Spaß zu haben, ich wollte Loyalität aufbauen.“ Also doch: Zufriedene Kunden, zufriedene Partner.
Und Geld.
Shah fand wohl einen Weg, nicht nur ein Rad im System zu sein – sondern die gesamte Maschine zu kontrollieren. Normalerweise müssen sich für Cum-Ex-Deals viele Partner absprechen, damit die Masche funktioniert. Shah aber wollte alles selbst machen – Cum-Ex „in house“ sozusagen. Also kaufte sich Shah eine Bank. Die Banken steuern in der Maschinerie die Schmiermittel bei: Millionen- oder Milliardenkredite. Und sie stellen die Bescheinigungen aus, die für die Steuererstattung nötig sind. Shah kaufte die Varengold-Bank in Hamburg.
„Wenn Sie alles selber steuern können, wenn Sie keinen Partner mehr brauchen, müssen Sie auch die Beute nicht teilen“, sagt der Insider, Banker und Kronzeuge Benjamin Frey. In Cum-Ex-Kreisen raunte man sich zu: Shah habe nur einen Drucker. Mehr brauche er nicht für die Steuerbescheinigungen.
Shah hat das System auf die Spitze getrieben. Er rotierte dieselben Aktien bis zu 20 Mal – und kassierte jedes Mal die Steuer. Looping nennt man das, selbst für Cum-Ex-Trader ist das ziemlich hemmungslos.
Nun fällt all das Schritt für Schritt auf Shah zurück. Am dringendsten suchen ihn die Dänen, dort ist der Schaden am größten: Über eine Milliarde Euro sollen es umgerechnet sein. Die dänische Steuerbehörde hat ihn in Großbritannien angeklagt, um Geld zurückzubekommen – erfolglos. Zugleich laufen Verfahren in Belgien und Luxemburg gegen ihn. Kürzlich hat ihn auch die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen Geldwäsche angeklagt. Weil er seine Varengold-Bank in Hamburg für Cum-Ex-Trades genutzt haben soll.
Shah sagt, er habe noch viel Geld, umgerechnet mehr als eine halbe Milliarde Euro. Aber all das nützt ihm nun wenig. Die Behörden haben sein Vermögen eingefroren. Er darf lediglich sein Haus behalten und seine Anwälte bezahlen. Allein für die hat er 50 Millionen Dollar ausgegeben, schätzt Shah.
Auch wenn links und rechts von ihm die Cum-Ex-Kartenhäuser einstürzen, hält Shah daran fest: Ihm ist das alles nicht vorzuwerfen. In Shahs Welt herrscht ein verqueres Verhältnis zum Gesetz. Einerseits ist es der höchste Maßstab, Trader und Banken lassen teure Gutachten anfertigen, um zu belegen, dass ihre Deals legal sind. Andererseits ist ihnen eine ziemlich eingängige juristische Wahrheit egal: Man darf sich eine Steuer nicht mehrfach erstatten lassen.
Behörden reagieren nur sehr langsam auf den Cum-Ex Steuerbetrug
Fragt man Shah danach, ob er die Wut der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler über die Cum-Ex-Deals verstehen kann, dann schiebt er die Verantwortung von sich. Er stellt lieber eine Gegenfrage: „Warum fragt ihr nicht eure Regierungen, warum sie die Schlupflöcher nicht gestopft haben?“
Es wirkt so, als wollte Shah den Fokus von sich selbst ablenken. Aber in einem Punkt hat er recht: Die Behörden in ganz Europa wussten spätestens seit den Enthüllungen der CumEx-Files 2018, dass ihre Staatskassen geplündert werden können. Man könnte meinen, dass sie seitdem in Alarmbereitschaft sind, ihre Systeme überprüfen, Banker befragen, mit Politikern und Staatsanwältinnen sprechen.
Aber so ist es nicht. Im Gegenteil. Die Behörden in Europa versagen nach wie vor bei der Bekämpfung des systematischen Steuerbetrugs.
Langsam, lückenhaft, lustlos – das Vorgehen der Zuständigen in der öffentlichen Verwaltung gegen die organisierten Raubzüge offenbart erhebliche Schwächen, das zeigen dutzende öffentliche und interne Dokumente, die CORRECTIV einsehen konnte. Im Jahr 2019 schickten die EU-Bankenaufsicht EBA und die EU-Finanzmarktaufsicht ESMA Fragebögen an ihre Mitglieder – die nationalen Aufsichtsbehörden. In Deutschland ist das die BaFin, das Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Nach den Cum-Ex-Enthüllungen in Europa, die CORRECTIV leitete, wollten die EU-Behörden wissen: Was wisst ihr über steuergetriebene Deals wie Cum-Ex? Und was tut ihr dagegen?
CORRECTIV hat für diese Recherche die Abschlussberichte von EBA und ESMA ausgewertet, und zusätzlich die Antworten von über zwei Dutzend nationalen Aufsichtsbehörden in der EU. Wo die Dokumente nicht öffentlich waren, haben wir sie unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz angefragt.
Jedes Land in der Europäischen Union hat Aufsichtsbehörden, die Tag für Tag den Finanzmarkt beobachten. Sie suchen zum Beispiel nach illegalen Trades oder möglichen Fällen von Geldwäsche. Dafür können sie Berichte von Banken anfordern, Transaktionsdaten auswerten, Gespräche mit Bankern und Tradern führen. Sie können auch hohe Geldstrafen verhängen – wie die US-Aufsichtsbehörde das bei den Cum-Fake-Deals getan hat.
Jedes Land hat auch Finanzämter, die Steuern eintreiben, Belege prüfen, andere Steuern erstatten. Täuscht jemand das Finanzamt, dann ermitteln unter Umständen Staatsanwältinnen und Staatsanwälte wegen Steuerhinterziehung. So wie die Cum-Ex-Staatsanwältin Brorhilker.
Das offensichtlichste Problem, das sich aus den Antworten der Länder ergibt: Es gibt kein gemeinsames Verständnis davon, wie man mit steuergetriebenen Deals wie Cum-Ex umgehen soll. Ist es Steuerhinterziehung, so wie der Bundesgerichtshof in Deutschland das bestätigt hat? In dem Fall wären Finanzämter und Staatsanwaltschaften zuständig.
Dann aber gibt es ein anderes Problem: Die Finanzämter der EU-Mitgliedsstaaten kooperieren kaum untereinander. Sie dürfen es oft gar nicht, das Steuergeheimnis verbietet es. Einzelne Finanzämter können die Muster aber schwer durchschauen.
Damit sich Finanzaufsichtsbehörden mit Cum-Ex-Deals befassen können, müssten sie in die Kategorie Marktmissbrauch fallen. Etwa, wenn sich verschiedene Akteure absprechen – ähnlich wie ein Kartell, das Preise festlegt. Glaubt man den Ermittlungen der Staatsanwältin Brorhilker und Insidern, so konnten die Cum-Ex-Geschäfte nur funktionieren, wenn sich verschiedene Akteure koordinierten. Wenn jeder eine klare Rolle hätte.
Nur: Die EU-Behörden, die die Fragebögen verschickten, kommen zu einem anderen Schluss. Es handele sich um eine Steuerangelegenheit, schreiben sie in ihren Berichten, daher erklärten sich die nationalen Aufsichtsbehörden für nicht zuständig. Die ESMA teilt diese Ansicht, wie aus einem ihrer Reporte hervorgeht.
Wie kann das sein? Drücken sich hier Behörden weg?
Der Anwalt Alexander Heist befasst sich seit Jahren mit Cum-Ex und anderen steuergetriebenen Deals. Er sagt klar: Ja. „Ich halte diese Ansicht [der ESMA] für grob falsch.“ Gerade die EU-Finanzaufsicht ESMA sollte zuständig sein, weil es unter anderem um Marktmissbrauch gehe.
Die EU-Behörde teilt diese Ansicht allerdings nicht und besteht darauf, dass nur die nationalen Aufsichtsbehörden zuständig sind: „Die ESMA hat keine Aufsichtsbefugnis in Bezug auf Marktmissbrauch, es liegt daher an den zuständigen nationalen Behörden, zu beurteilen ob eine Geschäftspraxis als Marktmissbrauch einzustufen ist“, schreibt sie an CORRECTIV.
Aber auch für die nationalen Aufseher kann es schwierig sein, die Betrüger zu überführen. Die ESMA gibt zu, dass Cum-Ex-Deals marktmissbräuchlich sein können. Allerdings sei das „normalerweise nicht der Fall, weil die Täter versuchen, manipulatives Verhalten zu vermeiden, um nicht entdeckt zu werden.“ In anderen Worten: Sie sind schlau genug, um das System auszutricksen.
Was die europäische Behörde in ihrem Abschlussbericht nur am Rande erwähnt: Es gibt einige nationale Aufsichtsbehörden, die sich sehr wohl zuständig fühlen und nach steuergetriebenen Deals fahnden – in Luxemburg, den Niederlanden und Großbritannien zum Beispiel. Und die britische Aufsichtsbehörde hat offenbar sogar ein effektives Werkzeug, um mögliche dubiose Deals zu erkennen: Ein System, das bei auffälligen Transaktionen rund um den wichtigen Dividendenstichtag Alarm schlägt. So steht es im britischen Länderbericht.
Die ESMA schreibt dagegen offenbar desinteressiert: Die britische Behörde habe eben mehr Befugnisse als Behörden in anderen Staaten. Das stimmt zwar. Aber eine ambitionierte EU-Finanzaufsicht könnte auch anders reagieren, sie könnte zum Beispiel für das Werkzeug werben – und dafür, dass die Aufsichtsstellen eben auch in anderen Staaten mehr Kompetenzen bekommen. Ähnlich wie die Finanzmarktaufsichtsbehörde FCA in Großbritannien.
Doch die ESMA sagt lieber: Sorry, nicht zuständig.
„Die Erfahrungen der UK FCA wurde im Rahmen der Tätigkeiten der ESMA berücksichtigt und mit den zuständigen nationalen Behörden geteilt.“ Das ist alles. Hat die ESMA erwogen, ein vergleichbares System wie das der Briten auch auf europäischer Ebene einzuführen? Keine Antwort.
Sven Giegold, finanzpolitischer Sprecher der Fraktion Grüne/EFA im Europäischen Parlament, sieht das Problem in der Leitungsstruktur der Behörden: „Alle Mitgliedstaaten sind im Rat der Aufseher der ESMA vertreten und haben kein Interesse an unbequemen Untersuchungen in die Arbeit ihrer eigenen Aufsichtsbehörden.“ Den Mitgliedstaaten hat es bisher am politischen Willen gefehlt, ihren Einfluss zugunsten der Interessen Europas zurückzustellen, schreibt er CORRECTIV.
Auch die BaFin in Deutschland hat offenbar Transaktionsdaten ausgewertet, um eventuellen steuergetriebenen Trades auf die Spur zu kommen, ähnlich wie die Briten. Nur, dass das Ergebnis ganz anders ist. Man bekäme damit Hinweise auf Cum-Ex-Deals, für Cum-Cum-Geschäfte und Cum-Fake-Geschäfte seien die Daten aber nicht geeignet, heißt es in der Antwort.
Wie kann das sein? Die britische Aufsichtsbehörde liest etwas aus den Transaktionsdaten. Die BaFin nicht? Die deutsche Aufsichtsbehörde hat sich dazu auf Anfrage nicht geäußert.
Der Steuerstrafanwalt Heist kann sich die Befunde der BaFin nicht erklären. Er und andere Fachleute glauben, dass die Daten ausreichen, um mögliche Deals zu erkennen. „Ich halte die Analyse von Marktdaten für möglich und zielführend.“
Ein weiteres Problem, das aus den Dokumenten hervorgeht: Der mangelnde Austausch unter Behörden. Zum Teil kooperieren die Behörden noch nicht einmal innerhalb der jeweiligen Länder miteinander. Die Finanzämter sprechen nicht mit der Finanzmarktaufsicht. Die Staatsanwaltschaft arbeitet alleine vor sich hin. Dabei könnte man steuergetriebene Deals viel leichter erkennen, wenn man Informationen kombiniert. Auch könnten die Aufsichtsbehörden die Finanzämter warnen: Erstattet die Steuer nicht, das ist ein Cum-Ex-Geschäft! In Österreich ist dieser Mangel an Kommunikation besonders offensichtlich. Die Aufsichtsbehörden dürfen laut Gesetz gar nicht mit den Finanzämtern über Steuervorgänge sprechen.
Es gibt aber noch eine andere Behörde, die für Cum-Ex-Geschäfte zuständig sein könnte: die Geldwäsche-Aufsicht. Wenn Cum-Ex strafbar ist, dann betreiben Banker und Investorinnen Geldwäsche, wenn sie die Gewinne aus den illegalen Geschäften anlegen. Der Banker Shah ist in Deutschland deswegen angeklagt. Weil er die Varengold-Bank in Hamburg genutzt haben soll, um die Gewinne weiterzuleiten.
Die Geldwäsche-Behörden scheinen aber auch drei Jahre nach den Cum-Ex-Enthüllungen zu schlafen. 24 nationale Behörden haben der EU-Bankenaufsicht EBA geantwortet. Nur zwei davon glauben, dass steuergetriebene Deals die Risiken für Geldwäsche erhöhten. Die niederländische Geldwäsche-Aufsicht hat offenbar bereits kapituliert. Solche Geschäfte seien „unvermeidbar aufgrund von Unterschieden in der Besteuerung von bestimmten Gruppen von Aktionären“, schreibt sie.
Die Berichte zeigen, wie bürokratische Hemmnisse und Ineffizienz einen strategischen Kampf gegen den Steuerraub praktisch unmöglich machen: Statt sich über ein wirksames Vorgehen auszutauschen und Instrumente zu entwickeln, verstricken sich die Behörden in Zuständigkeitsfragen und Verwaltungs-Kleinklein. Genau deshalb haben unlautere Geschäftsleute auf dem Finanzmarkt offenbar auch weiterhin Zugriff auf die Steuerkassen.
Der Wirtschaftsprofessor Christoph Spengel kann das nicht nachvollziehen. „Vor dem Hintergrund, dass zahlreiche Staaten durch Cum-Ex- und Cum-Cum-Transaktionen getroffen werden, hinter denen häufig global handelnde Akteure stehen, ist das mangelnde Bewusstsein unverständlich“, sagt er. Auch der Steuerstrafrechtler Alexander Heist ist alarmiert: „Man kann das insoweit wie den Kampf gegen den Klimawandel begreifen. Es betrifft alle, aber der nachhaltige Erfolg stellt sich nur ein, wenn alle an einem Strang ziehen.“
Dabei hätten die Behörden durchaus Macht. Das hat die Finanzmarktaufsicht in den USA ja demonstriert. Und auch auf politischer Ebene waren die USA schneller als die EU. Bereits 2010 verabschiedete man dort ein Gesetz, das Cum-Ex und ähnliche Geschäfte unmöglich machte – zwei Jahre vor Deutschland. Grundlage war ein Bericht des demokratischen Senators Carl Levin, in dem er Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte beschrieb und eine ganze Reihe Banken benannte, die daran beteiligt seien. Levin stellte ihn im September 2008 vor – und er hätte auch in Europa Alarm auslösen müssen. Wahrscheinlicher ist, dass ihn kaum jemand las. Nur vier Tage später, am 15. September, meldete die Investment-Bank Lehman Brothers Insolvenz an und löste eine weltweite Finanzkrise aus.
Cum-Ex: Banken und Hedgefonds sind den Behörden immer einen Schritt voraus
Banker, die sich immer neue Manöver ausdenken, um an Steuergeld zu kommen. Aufsichtsbehörden, die genau das schnell erkennen sollten. Und Staatsanwältinnen und -anwälte, die hinterher ermitteln. In einem sind sich die Verfolgerin Brorhilker und der Verfolgte Shah einig: Die Banker haben die Nase vorn.
„Leider zieht Geld schlaue Leute an“, sagt der Banker Shah. Der Staat könne nicht die Superhirne einstellen, die Investmentbanken beschäftigen können. „Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel und die Banken und Hedgefonds werden immer einen Schritt voraus sein.“
„Wir brauchen dazu wirklich Expertenwissen“, sagt Brorhilker. „Und Expertenwissen haben wir ja offensichtlich nicht, denn sonst würde es ja nicht passieren.“
Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zwischen der Staatsanwältin Brorhilker und den Beamtinnen und Beamten bei den Aufsichtsbehörden, die die illegalen Deals schnell erkennen sollten. Brorhilker sieht mehr, weil sie ganz andere Werkzeuge hat.
Die Behörden müssen sich auf das verlassen, was die Banker ihnen sagen, die sie beaufsichtigen. Brorhilker kann Büros durchsuchen, Server beschlagnahmen oder Informationen von Insidern verwerten, weil sie ihnen Steuererleichterungen anbietet. Deshalb kennt Brorhilker auch E-Mails, in denen sich Trader und Hedgefonds-Manager kaputtlachen über Deutschland und sein Steuergeheimnis. Powerpoint-Präsentationen mit witzigen Smileys an den entsprechenden Stellen. Den ganzen Hohn der Hochstapler.
„Das sieht natürlich keine andere Behörde“, sagt sie. „Die erleben nur die Menschen, wenn sie höflich und gepflegt vor ihnen stehen.“
Höflich und gepflegt sitzt Sanjay Shah in Dubai vor den Kameras, spricht über seine Familie, Charity-Galas und seine wahre Leidenschaft: die Musik. Das alles ist sicherlich nicht falsch. Aber es ist nur eine Seite der Medaille.
Sanjay Shah macht in Dubai sogar einen Vorschlag, wie man Cum-Ex-Deals unterbinden könnte. Eine Art Barcode für jede Aktie, spezifisch und unverwechselbar. So könnten die Finanzämter erkennen, dass sie für dieselbe Aktie mehrfach Steuern erstatten. „Ich glaube, das wäre einfach umzusetzen“, sagt er.
Und wieder hat Shah mit seinem Vorschlag einen unwahrscheinlichen Verbündeten. Diesmal ist es der Wirtschaftsprofessor Spengel aus Mannheim. Mit einem eindeutigen Code für Aktien, Dividenden oder die abgeführte Steuer könne man Cum-Ex-Geschäfte unterbinden, sagt er. „Es ist unverständlich, warum dies in Deutschland und in anderen betroffenen Ländern nicht umgesetzt wird.“
Steuerstrafanwalt Alexander Heist pflichtet bei. „Es handelt sich um Geschäfte ohne wirtschaftlichen Gehalt, die den Märkten nichts bringen und nur Risiken bergen“, sagt er. Dabei ließen sie sich gut verhindern. „Der Schlüssel ist die Herstellung von Transparenz.“
Staatsanwältin Brorhilker glaubt an die Behörden. Sie setzt auf Expertise, mehr Personal und Austausch. Und doch ist sie mit den Jahren realistischer geworden. Und pessimistischer als der Anwalt Heist. „Das ist so komplex“, sagt sie. „Es kann sein, dass wir das nicht komplett stoppen können.“
Wenn es nach Anne Brorhilker geht, macht sie Cum-Ex bis zur Rente. Sie ist jetzt 47, das wären noch rund 20 Jahre. Die Arbeit, sagt sie, wäre da. „Wenn wir ermitteln dürfen, werden wir lange ermitteln.“
Sanjay Shah will sich seinen Gerichtsverfahren stellen, er habe keine Angst. Aber vorerst bleibt er lieber in Dubai, um einer möglichen Untersuchungshaft zu entgehen, bevor der Prozess beginnt.
Wenn er verliert, sei er pleite, sagt Shah. „Dann will ich als Psychologe arbeiten.“ Er plane gerade, mit dem Studium anzufangen.
Und wenn er gewinnt?
„Dann werde ich viel Geld haben.“ Geld von uns allen.
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CUM-EX-BETRUG
150 MRD. EURO
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CumEx-Files
AKTEURE
CumEx-Files
CHRONIK
Bevor die Cum-Ex-Geschäfte Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen und Schlagzeilen wurden, waren sie das Geheimnis einer kleinen Gruppe von Bankern und Anwälten, die sie mindestens seit Anfang der 2000er Jahre betrieben. Klicken Sie im Zeitstrahl auf einen der Punkte, um weitere Informationen über jedes Ereignis zu erhalten.
CumEx-Files
KOOPERATION
16 Medien von allen fünf Kontinenten haben gemeinsam recherchiert. Hier finden Sie alle Veröffentlichungen.
Cum-Ex
KURZ ERKLÄRT
Was sind die CumEx-Files?
Die CumEx-Files sind eine internationale Recherchekooperation unter Leitung von CORRECTIV. Investigative Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt haben gemeinsam enthüllt, wie ein weltweites Netzwerk aus Anwälten, Bankerinnen, Aktienhändlern und Superreichen aus einem Steuerbetrug hohe Profite schlagen. Dafür liegen uns Beweise in Form von geheim zugespielten E-Mails, Geschäftsplänen, Gutachten von Kanzleien und mehr vor. Diese Dokumente zeigen eindrücklich, wie sich die reichen Betrügerinnen und Betrüger hohe Kapitalertragssteuern zurückerstatten ließen, ohne diese zuvor geleistet zu haben. Das bedeutet: Sie haben weltweit Bürgerinnen und Bürgern Steuergelder in Milliardenhöhe geklaut. Sie selbst haben diesen Betrug jahrelang als Steuerschlupfloch bezeichnet.
Mit der ersten CumEx-Files Veröffentlichung haben wir 2018 Geschichte geschrieben. Es war der größte bis dahin bekannte Steuerbetrug in Europa: 55 Milliarden Euro. Obwohl die deutschen Medien bereits über den Betrug berichtet hatten, recherchierte kein Medium bis dahin die internationale Dimension des Diebstahls. CORRECTIV leitete das Team von 18 Medien aus einem Dutzend europäischer Länder, das ein Jahr lang die durchgesickerten Dokumente untersuchte.
Die CumEx-Files 2.0 schlagen ein neues Kapitel auf: neue Datenlecks, neue Protagonisten, neue Steuertricks und eine neue Summe. Und eine neue – weltweite – Recherche-Kooperation. Dieses Mal geht es nicht um 55 Milliarden, sondern 150 Milliarden Euro. Auch drei Jahre nach der ersten Veröffentlichung koordiniert CORRECTIV die internationale Zusammenarbeit und zeigt neben der weltweiten Summe auch, wie wenig Gesetzgeber und Strafverfolgung bisher erreicht haben, um dem Betrug ein Ende zu setzen und die Kriminellen vor Gericht zu verurteilen.
Nach der ersten Veröffentlichung ist die europäische Zahl von 55 Milliarden Euro zu einem Maßstab für den Cum-Ex-Schaden geworden. Bis dahin wusste niemand, wie viel Geld wirklich geraubt wurde. Also auch nicht, wie groß das Problem ist. Diesmal sind wir mit Kolleginnen und Kollegen von allen fünf Kontinenten zusammen gekommen, um die neue Summe zu ermitteln. Im Schatten der letzten Jahre ist der Cum-Ex-Betrug noch komplizierter und raffinierter geworden. Er hat nachgerüstet. Aber unsere Recherchekooperation CumEx-Files auch.
Warum sollte ich mich für Cum-Ex interessieren?
Ganz einfach: Es ist Ihr Geld, das die Betrügerinnen und Betrüger klauen. Stellen Sie sich vor, dass die 19 Prozent Mehrwertsteuer vom letzten Einkauf oder Ihre Lohnsteuer auf der Gehaltsabrechnung nicht zum Bauen öffentlicher Schulen oder zur Bewältigung der Coronakrise eingesetzt werden. Stattdessen kauft sich ein Banker oder sein Kunde davon eine neue Jacht. So sieht die Realität aus. Das klingt nach einem Skandal? Ist es auch.
Wie funktioniert Cum-Ex?
Einfach erklärt: Der Staat zahlt eine nie oder nur einmal gezahlte Steuer mehrmals zurück. Damit machen die Akteure Gewinn, und die Gesellschaft verliert Milliarden an Steuergeldern, die ihr zustehen.
Eine Metapher: Man kann es sich vorstellen wie einen Betrug um Kindergeld. Bei Cum-Ex-Geschäften lassen sich Deutsche, die gar keine Kinder haben, Kinder zum Schein aus London schicken und melden sie in Deutschland an. Ohne dass die Kinder wirklich bei ihnen wohnen oder essen. Dann geben sie die Kinder an Bekannte weiter, die die Kinder auch dem Amt melden. Die Bekannten überlassen die Kinder wiederum an eine andere Familie – und so weiter. Die Kinder leben gar nicht bei den Familien, sondern werden nur zum Schein auf dem Papier angegeben.
Schlussendlich schickt man die für den Betrug ausgeliehenen Kinder nach kurzem Aufenthalt in Deutschland wieder zurück nach London. Dort werden die Kinder wieder bei ihrer Familie angemeldet. Das deutsche Amt weiß das nicht und zahlt das Kindergeld ohne Umschweife an jede der deutschen Familien, die mitgemacht haben – also gleich mehrfach – aus. Also haben Familien ohne Kinder zu Unrecht Kindergeld bekommen. Das geklaute Kindergeld teilen sich dann alle Familien. Der einzige Unterschied: Bei Betrug mit Aktien geht es jedes Mal um Millionen von Euro aus unserem Steuertopf.
Die Banker nutzen also aus, dass die Finanzämter den Betrug nicht erkennen. Am Ende fehlt Geld, das sie sich ergaunern, an anderen Ecken. Für die Renovierung eines Kindergartens zum Beispiel.
Was heißt eigentlich „Cum-Ex“?
Cum-Ex-Geschäfte gehören zur Kategorie der Dividendenarbitrage. Investoren und Banken handeln Aktien eines Konzerns mit (cum) und ohne (ex) Dividende, also der Gewinnbeteiligung der Anleger. Der komplizierte Begriff meint eine besonders risikoarme Variante, Dividenden zu erhalten.
Der Gesellschafter oder die Gesellschafterin kauft die Aktien vom Unternehmen, kurz bevor dieses die Gewinne ausschüttet. Danach verkauft er sie wieder, oder andersherum. Da die Aktien schnell zwischen mehreren Besitzern wechseln und der Staat nicht erkennen kann, wem die Aktie zu welchem Zeitpunkt gehört, erhält jeder der beteiligten Akteure eine Steuerbescheinigung. Bei Privatpersonen wird bei der Ausschüttung der Dividenden von Aktien die Kapitalertragssteuer (in Deutschland 25 %) fällig. Unternehmen und Fonds können sich diese Steuer mit der Steuerbescheinigung unter bestimmten Umständen später zurückerstatten lassen.
Damit haben alle Parteien Anspruch auf eine Steuerrückerstattung, obwohl die Steuer auf den Gewinn (Dividende) nur einmal gezahlt wurde. Der einzige Zweck dieser Aktienverkäufe ist, Steuerbescheinigungen zu erzeugen.
Wie viel Geld wurde geraubt?
Gute Frage! 2018 errechneten Fachleute für unsere Recherche CumEx-Files, dass in Europa mindestens 55 Milliarden Euro bei Cum-Ex-Geschäften erbeutet wurden. Zu den am stärksten betroffenen Staaten gehörten Deutschland und Dänemark, denen mindestens 31,8 beziehungsweise 1,7 Milliarden Euro in Folge von betrügerischen Steuerrückforderungen verloren gingen.
In Deutschland, Dänemark und den Niederlanden sind die Steuerbehörden noch dabei, den finanziellen Schaden für die öffentlichen Kassen zu ermitteln. In anderen Ländern haben die Verantwortlichen in den oberen Etagen noch nicht einmal zugegeben, dass sie dem Betrug zum Opfer fielen, obwohl Recherchen dies nachweisen.
Die Berechnungen der aktuellsten Recherche gehen von einem weltweiten Schaden von 150 Milliarden Euro aus.
Sind Cum-Ex-Deals und ähnliche Geschäfte noch möglich?
Kurze Antwort: Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Äußerungen von Staatsanwälten, Behörden, Steuerexperten und Beschuldigten deuten darauf hin, dass die steuergetriebenen Deals noch laufen. Für Cum-Ex-Geschäfte hat ein Team des ARD-Magazins Panorama 2018 gezeigt, dass solche Deals immer noch angeboten werden.
Das Bundesfinanzministerium hat die Variante Cum-Cum, auch eine Form des Steuerbetrugs, durch eine Gesetzesänderung im Jahr 2016 theoretisch gestoppt. Christoph Spengel, Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Mannheim, ist jedoch der Ansicht, dass diese Gesetzesänderung nicht zur Eindämmung des Betrugs beigetragen hat.
Darüber hinaus geht der Bundesrechnungshof davon aus, dass in Deutschland sogenannte Cum-Fake-Deals – eine weitere Variante der Cum-Ex-Geschäfte – noch mindestens bis Ende 2020 möglich waren.
Einer der Hauptakteure der Cum-Ex-Deals, der ehemalige britische Händler Sanjay Shah, gegen den in vier europäischen Ländern ermittelt wird, sagt, er wolle sein Geschäft wieder aufnehmen, das aus seiner Sicht völlig legal ist.
Es sprechen also viele Hinweise dafür, dass der Steuerraub auch weiterhin möglich ist.
Warum ist es so schwer, Cum-Ex-Geschäfte zu stoppen?
Das fragen wir uns auch. Um es kurz zu fassen: Lange waren Cum-Ex-Geschäfte nicht illegal. Erst seit 2013 laufen erste Verfahren gegen Täterinnen und Täter und zeigen mit dem Urteil 2020, dass der Steuerbetrug hierzulande nicht rechtens ist. Der Bundesgerichtshof hat erst 2021 bestätigt, dass die Geschäfte auch strafbar sind und mit Haft zu rechnen ist. Den meisten Antrieb erhalten die Cum-Ex-Betrügerinnen und Betrüger aber vermutlich, weil ihr Lobbying so gut funktioniert. Cum-Cum, Cum-Ex und deren Mutationen sind derart komplex, dass Behörden mit ihren Kapazitäten nicht mehr hinterherkommen. 2007 setzte die Politik einen Gesetzesvorschlag des Bankenverbands fast wörtlich um. Damit ging die Cum-Ex-Party erst richtig los. Der Insider aus den ersten CumEx-Files kommentierte es damals so: „Diejenigen, die das irgendwann mal ins Gesetz geschrieben haben, verstehen gar nicht mehr, was für eine Maschine sie da gebaut haben. Deswegen holt man sich die Mechaniker, wenn etwas zu verändern ist, lieber aus der Industrie.“ Kurzum: Es mangelt an politischem Willen, Durchsetzungsfähigkeit und Durchblick. Aus unserer Sicht wird das Thema trotz aller Vorstöße bis heute nicht ernst genug genommen.
Ist Cum-Ex strafbar?
In Deutschland schon. Nachdem die ersten verurteilten Händler und die M.M.Warburg Bank im März 2020 gegen die Entscheidung des Landgerichts Bonn Berufung eingelegt hatten, urteilte der Bundesgerichtshof (BGH) im Juli 2021, dass Cum-Ex-Trades strafbar sind. Der BGH begründete seine Entscheidung so: „Nur die tatsächlich einbehaltene Kapitalertragsteuer darf zur Anrechnung und Auszahlung angemeldet werden“. Nach Ansicht der Richterschaft waren die Cum-Ex-Transaktionen nicht „das bloße Ausnutzen einer Gesetzeslücke, weil die gesetzliche Regelung eindeutig war. Es ging vielmehr, übrigens nicht anders als bei dem normalen Umsatzsteuerbetrug, um einen glatten Griff in die Kasse, in die alle Steuerzahler normalerweise einzahlen“. Dieses Urteil hat enorme Folgen für die über 1.000 Personen, gegen die in Deutschland wegen ihrer Beteiligung an diesen steuergetriebenen Geschäften ermittelt wird. Zunächst müssen einer der beiden britischen Händler und die M.M.Warburg Bank insgesamt 190 Millionen Euro an die Staatskasse zurückzahlen.
Was wurde getan, um künftige Cum-Ex-Betrüge zu verhindern?
Einige Länder hatten das Dividendenstripping, eine andere Form der Dividendenarbitrage, schon früh im Blick. Norwegen zum Beispiel wies 2015 zehn Steuerrückforderungen in Höhe von insgesamt 4,3 Millionen US-Dollar zurück und verschärfte seine Kontrollen. Auch die USA haben sich geschützt, unmittelbar nachdem der Raub bekannt wurde. In Deutschland dagegen scheiterten 2007 und 2009 Versuche, Cum-Ex-Deals juristisch zu verbieten. Erst 2012 wurde die Masche weitgehend unterbunden. Die Banker, Aktienhändlerinnen und Anwälte, die bei steuergetriebenen Geschäften die Fäden ziehen, lernen ständig neue Tricks. Während die Regulierungen auf die einzelnen Länder begrenzt sind, wird auf den Finanzmärkten international operiert. Das erschwert das Vorgehen gegen Betrügerinnen und Betrüger.
Nach Veröffentlichung der CumEx-Files 2018 nahm das EU-Parlament eine Resolution an, die unter anderem, „die Tatsache beklagt, dass der für Steuerangelegenheiten verantwortliche Kommissar nicht die Notwendigkeit sieht, das bestehende System zum Austausch von Informationen zwischen nationalen Steuerbehörden auszuweiten.“ Sowohl die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) als auch die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) veröffentlichten 2020 Berichte zum Thema Cum-Ex-Geschäfte. Beide hielten fest, dass es nicht ihre Aufgabe sei, den Steuerbetrug zu stoppen, weil Steuerangelegenheiten nicht in ihre Zuständigkeit fallen. Die internationale Zusammenarbeit ist jedoch dringend notwendig, um effektiv gegen den Betrug vorzugehen.
Cum-Ex: Gab es schon Verurteilungen?
Ja. Der erste Cum-Ex-Prozess in Deutschland endete im März 2020. Zwei Londoner Investmentbanker wurden schuldig gesprochen. Sie mussten aber nicht ins Gefängnis, weil sie sich bereit erklärten, mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren. Das Gericht verurteilte außerdem die M.M.Warburg Bank, mit der die beiden Londoner Banker zusammengearbeitet hatten, aufgrund ihrer Verwicklung in den Fall zu einer Rückzahlung von 170 Millionen Euro.
Jüngst verurteilte ein Gericht in Bonn zudem einen früheren Mitarbeiter der M.M.Warburg Bank zu fünfeinhalb Jahren Haft. Er war der erste Banker, der jemals eine Gefängnisstrafe für seine Beteiligung an Cum-Ex-Geschäften erhielt.
Im Dezember 2022 wurde Hanno Berger in Bonn zu acht Jahren Haft verurteilt, das gleiche Urteil, das im Mai 2023 vom Landgericht Wiesbaden gegen ihn verhängt wurde. Dänemark hat acht Personen angeklagt und Klage in Großbritannien, den USA und Dubai eingereicht. Andere Länder haben ebenfalls Ermittlungen eingeleitet, die zu weiteren Anklagen führen könnten.
Gegen wie viele Menschen wird ermittelt?
Allein in Deutschland ermitteln die Behörden gegen 1.000 Menschen.
Was kann ich tun?
Zunächst einmal: weniger als der Gesetzgeber und die Verfolgungsbehörden. Die sind jetzt gefragt. Zu lange haben sie zu wenig getan. Was Sie als Leserin oder Leser aber tun können, ist beispielsweise Ihrer oder Ihrem Abgeordneten im Bundestag schreiben und sich erkundigen, wie diese oder dieser sich gegen Cum-Ex stark macht.
Ein anderer guter Weg, etwas zu tun, ist es auch, diese Recherche an ihre Freundinnen, Bekannte und andere Interessierte zu schicken. Je mehr Menschen von den CumEx-Files 2.0 wissen, desto größer wird der gesellschaftliche Druck.
Und zu guter Letzt: Spenden Sie für investigativen Journalismus. CORRECTIV ist gemeinnützig. Tausende Unterstützerinnen und Unterstützer haben es möglich gemacht, dass diese Recherchekooperation zeigen konnte, wie groß das Problem ist und welche Lücken gestopft werden müssen. Außerdem erhalten Sie für Ihre Spende einen Beleg – den können Sie ganz legal steuerlich geltend machen.
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Der Insider
Erstmals äußert sich einer der Hauptbeschuldigten ausführlich zur Cum-Ex-Maschinerie. Er ist Kronzeuge im größten Steuerermittlungsverfahren, das diese Republik je geführt hat.
So stehlen skrupellose Banker IHR Geld
Warum sollten Sie sich für Cum-Ex und Cum-Cum interessieren? Ganz einfach: Es ist Ihr Geld, das die Betrügerinnen und Betrüger geklaut haben. Geld, für das Sie gearbeitet haben und noch weiter arbeiten müssen.
Auf der Spur
des Geldes
Die Doku begleitet die CORRECTIV-Redaktion bei den Recherchen zum Cum-Ex-Skandal und der AfD-Spendenaffäre und liefert einmalige Einblicke hinter die Kulissen. Die Filmemacherinnen zeigen eindrücklich, welche Rolle investigativer Journalismus als vierte Gewalt in politischen Systemen spielt.
Recherche-TEAM
Olaya Argüeso Pérez
Chefredakteurin
CORRECTIV
Chefredakteurin von CORRECTIV. Datenjournalistin und Expertin für Wirtschafts- und Finanzthemen, seit Oktober 2018 bei CORRECTIV. Arbeitete für den wichtigsten Radiosender Spaniens, Cadena SER, hat eine geisteswissenschaftliche Ausbildung, begeistert sich aber inzwischen fürs Programmieren. Bei ihren Recherchen verbindet sie Computersprache mit klassischen Recherche-Fertigkeiten – und will mit dieser Kombination investigativen Journalismus auf die nächste Stufe bringen.
Oliver Schröm
Journalist
NDR
Oliver ist einer der Initiatoren der CumEx Files. Er ist Autor von zehn Enthüllungsbüchern über Geheimdienste, Politik und Gesundheitswesen. 2010 baute er die investigative Abteilung des Magazins Stern auf. Später wechselte er zu der investigativen Fernsehsendung Panorama. Er berichtete 2014 erstmals über Cum-Ex für das Magazin Stern. Seine preisgekrönte Arbeit und seine wachsende Sammlung von Akten bilden die Grundlage für die CumEx-Files 2.0.
Manuel Daubenberger
Journalist
NDR/CORRECTIV
Manuel Daubenberger ist investigativer Reporter und Filmemacher. Er arbeitet seit 2014 freiberuflich, aber vor allem für den NDR. Der studierte Politikwissenschaftler begann 2017 mit Recherchen zu Cum-Ex und Finanzkriminalität und ist seitdem nicht mehr davon losgekommen.
Stefan Melichar
Journalist
PROFIL
Stefan Melichar ist ein investigativer Journalist beim österreichischen Nachrichtenmagazin Profil. Sein Schwerpunkt bei der Berichterstattung liegt auf Wirtschaftskriminalität und Korruption. Stefan war 2018 Teil der ersten von CORRECTIV geleiteten CumEx-Files-Recherche und hat an mehreren anderen länderübergreifenden Ermittlungen teilgenommen. Er ist Mitglied des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).
Armin Ghassim
Journalist
NDR
Armin Ghassim ist investigativer Reporter und Filmemacher bei der ARD. Er arbeitet zu Wirtschafts- und Finanzbetrug, internationalen Konflikten und Migrationspolitik. Ausgezeichnet u.a. mit dem Helmut-Schmidt-Journalistenpreis.
Mario Christodoulou
Journalist
ABC
Mario Christodoulou ist Reporter beim führenden Programm für investigativen Audiojournalismus von ABC, dem Background Briefing. Er arbeitete zuvor für die australischen Sender Four Corners und The Sydney Morning Herald und befasste sich mit Themen wie organisierte Kriminalität, Geldwäsche und häusliche Gewalt. Er deckte einen nationalen Finanzskandal bei der größten Finanzinstitution des Landes, der Commonwealth Bank, auf und erhielt dafür 2014 erhielt er den Gold Walkley.
Lars Bové
Journalist
De Tidj
Journalist und Koordinator für investigative Recherche der belgischen Zeitung De Tijd. Schreibt vor allem über Kriminalität, Justiz, Sicherheits- und Finanzthemen. Als Reporter hat er Skandale aufgedeckt, die die belgische Regierung zum Rücktritt zwangen. Lars begann seine Arbeit beim belgischen Magazin Humo. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem für seinen Beitrag zu den Luxemburg Leaks. Außerdem schrieb er einen Bestseller über den belgischen Geheimdienst.
Lea Busch
Journalistin
NDR/PANORAMA
Lea Busch ist investigative Reporterin beim NDR/ARD. Sie arbeitet vorwiegend für die politische Sendung Panorama. Vor Ihrem Praktikum beim NDR studierte sie Medien an der Filmuniversität Babelsberg und Sozial- und Wirtschaftskommunikation in Berlin und Paris.
Giulio Rubino
Journalist
CORRECTIV
Investigativ-Reporter und einer der Gründer des Italienischen Zentrums für Investigativen Journalismus IRPI. Seit 2015 arbeitet er mit CORRECTIV zusammen, unter anderem an einer Recherche über Schmuggler im Mittelmeer der Präsenz der italienischen Mafia in Afrika. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem Best International Organised Crime Report Award ausgezeichnet und war für den Data Journalism Award nominiert. Seine Gesprächspartner hatten vor dieser Recherche noch nie von Cum-Ex gehört, und dachten, Giulio spreche plötzlich Latein.
Normalerweise hat Jonas Seufert mit Saisonarbeitern zu tun, die sich gegen Ausbeutung wehren, mit streikenden Paketboten oder Pflegekräften, die illegal in Deutschland arbeiten müssen. Bei Cum-Ex sind die Banker die Mächtigen, die Staaten oft machtlos. Eine Geschichte über Ungleichheit ist es trotzdem. Jonas arbeitet unter anderem auch für die ZEIT und die Süddeutsche Zeitung. Mit CORRECTIV hat er einen Grimme-Online-Award gewonnen. Für den Reporterpreis war er mit einer Recherche über Amazon nominiert.
Jérémie Baruch
Journalist
LE MONDE
Jérémie Baruch ist investigativer Datenjournalist bei Le Monde in Frankreich. Er war an zahlreichen Projekten im Zusammenhang mit Steuervermeidung und Finanzkriminalität beteiligt, darunter die Panama Papers, Paradise Papers, CumEx-Files und OpenLux.
Anne Michel
Journalistin
LE MONDE
Anne Michel ist investigative Journalistin bei Le Monde in Frankreich. Sie befasste sich zunächst mit finanziellen Fragen, Regulierung und Transparenz, bevor sie sich nach der globalen Finanzkrise von 2008 mit der Bedeutung von Steueroasen in der Wirtschaft befasste. Anne Michel nimmt seit 2013 an den wichtigsten Projekten des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) teil. Sie ist seit 2018 Mitglied im internationalen Journalistennetzwerk Forbidden Stories.
Maxime Vaudano
Journalist
Le Monde
Maxime Vaudano ist investigativer Datenjournalist bei Le Monde in Frankreich. Er war an zahlreichen Projekten im Zusammenhang mit Steuervermeidung und Finanzkriminalität beteiligt, darunter die Panama Papers, Paradise Papers, CumEx-Files und OpenLux. Er befasst sich auch mit internationalen Handelsabkommen, privater Schiedsgerichtsbarkeit, EU-Politik und visuellem Journalismus.
Angelo Mincuzzi
Journalist
Il Sole 24 Ore
Angelo Mincuzzi ist Sonderkorrespondent der italienischen Wirtschafts- und Finanztageszeitung Il Sole 24 Ore und widmet sich unter anderem den Themen Steuerbetrug und Steueroasen. Er ist Mitverfasser des Buches „La cassaforte degli evasori“, das er zusammen mit dem Whistleblower Hervé Falciani geschrieben hat, und „Opus Dei. Il segreto dei soldi“. In den vergangenen Jahren war er Sonderkorrespondent in China, Dubai, auf dem Balkan, in den baltischen Ländern und 1989 in Ost-Berlin und Bukarest.
Jack Power
Journalist
The irish times
Jack Power ist Reporter bei der Irish Times in Dublin, Irland. Er deckte unter anderem die Vertuschung eines weit verbreiteten sexuellen Missbrauchs von Kindern in der irischen Pfadfinderbewegung auf. 2019 wurde er von der irischen Zeitungsbranche zum Nachwuchsjournalisten des Jahres gekürt.
Annelise Giseburt
REPORTERin
Tansa
Annelise Giseburt koordiniert die länderübergreifende Zusammenarbeit und die englischsprachigen Inhalte von Tansa. Sie hat zuvor als Übersetzerin und für gemeinnützige Organisationen in Hiroshima, Japan, gearbeitet.
Nanami Nakagawa
REPORTERin
Tansa
Nanami Nakagawa hat bei Tansa Reportagen über die Reaktorkatastrophe von Fukushima und die japanischen Tabakgesetze veröffentlicht. Sie arbeitete zuvor für Ashoka, das weltweit größte Netzwerk von Sozialunternehmern.
Mariko Tsuji
REPORTERin
Tansa
Mariko Tsuji hat Journalismus studiert und arbeitete als Reporterin für ein führendes japanisches Finanzmagazin. Ihre Schwerpunkte sind Wohlfahrt und Frauenrechte.
Makoto Watanabe
Chefredakteur
Tansa
Vor der Gründung von Tansa 2017 arbeitete Makoto Watanabe 16 Jahre lang als Reporter bei der japanischen Zeitung Asahi Shimbun in den Bereichen Metro und Recherche. Tansa berichtet unter Watanabes Leitung über ein breites Themenspektrum und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten.
Laurent Schmit
Journalist
Reporter.lu
Laurent Schmit ist Redakteur und Partner von Reporter.lu, einem unabhängigen Online-Magazin für investigativen Journalismus in Luxemburg. Er schreibt über Themen an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik. Laurent beschäftigt sich insbesondere mit Steuerfragen und dem luxemburgischen Finanzsektor. 2019 war er an der von CORRECTIV koordinierten Recherche Grand Theft Europe beteiligt.
Eric Smit
Chefredakteur
Follow the money
Mitbegründer und Chefredakteur von Follow the Money, einer niederländischen Plattform für investigativen Journalismus. In seinem ersten Leben lief er für Geld Squash-Bällen hinterher, gewann jedoch nie einen großen Titel. Er hat mehrere Bestseller geschrieben und wurde 2017 als Hollands Journalist des Jahres ausgezeichnet. Er ist Vater von eineiigen Zwillingstöchtern, die ihn am liebsten mögen, wenn er den Sänger einer Rock-Band imitiert.
Knut Kainz Rognerud
Journalist
SVT
Investigativ-Reporter beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Schwedens und einer der profiliertesten Autoren und Wirtschaftsjournalisten des Landes. Zuvor war er Investigativjournalist bei Schwedens größter Tageszeitung Dagens Nyheter. 2004 gewann Knut die Goldene Schaufel, Schwedens wichtigste Auszeichnung für investigative Recherche. Eine Dokumentation war außerdem für die Goldene Nymphe, einen internationalen Filmpreis in Monte Carlo, nominiert.
Ola Westerberg
Journalist
SVT/freelance
Ola Westerberg ist ein preisgekrönter, investigativer, freiberuflicher Reporter und Redakteur aus Schweden, der sich unter anderem mit Korruption, Menschenrechten und internationalen Angelegenheiten auskennt. Westerberg wart an den von CORRECTIV geleiteten Recherchen The CumEx Files und Black Sites Turkey beteiligt. Er ist außerdem Mitglied des Netzwerks International Consortium of Investigative Journalists.
Óscar Giménez
Journalist
El Confidencial
Óscar Giménez ist Journalist bei El Confidencial. Er hat Journalismus und Wirtschaft studiert und spezialisierte sich anschließend auf Finanzenthemen, über die er seit zehn Jahren berichtet. Er ist fest davon überzeugt, dass eine größere Transparenz der Märkte und Unternehmen zum Aufbau einer besseren Gesellschaft beiträgt.
Dewald van Rensburg
Journalist
amaBhungane
Dewald ist investigativer Journalist am amaBhungane Centre for Investigative Journalism in Johannesburg, Südafrika. Zuvor arbeitete er viele Jahre lang als Wirtschaftsreporter bei verschiedenen Zeitungen. Inzwischen hat er sich auf Finanzkriminalität spezialisiert. Er ist Autor des Buches „VBS: a Dream Defrauded“, einer eingehenden Untersuchung einer der berühmtesten Wirtschaftsverbrechen Südafrikas.
Theo Legget
Journalist
BBC
Theo Leggett ist internationaler Business-Korrespondent der BBC. Er war Moderator für den World Business Report des BBC World Service und war auch als Business-Reporter der BBC für Europa in Brüssel tätig. In seinen ausführlichen Reportagen der letzten Jahre ging es unter anderem um die Sicherheitsausfälle der Boeing 737 Max, die Verhaftung und Flucht des früheren Nissan-Chefs Carlos Ghosn, die griechische Schuldenkrise und den „Dieselgate“-Skandal bei Volkswagen.
Gretchen Morgenson
Journalistin
NBC
Gretchen Morgenson ist Senior-Finanzreporterin in der Recherche-Abteilung bei NBC News. Die ehemalige Börsenmaklerin war 20 Jahre lang als Business-Kolumnistin bei The New York Times tätig und gewann im Jahr 2002 einen Pulitzer-Preis für ihre pointierte und treffende Berichterstattung von der Wall Street.
Luise Lange-Letellier
HEAD OF COMMUNICATIONS
CORRECTIV
Luise ist vermutlich der Grund, warum Sie auf dieser Website gelandet sind. Angefangen als Praktikantin, leitet sie heute die Kommunikation von CORRECTIV. In ihrer Zeit hat sich CORRECTIV von einer kleinen Redaktion zu einem millionenfach gelesenen Medium entwickelt. Dafür spricht Luise mit den Lesern, entwickelt neue Erzählstrategien und bringt tausende Menschen dazu, investigativen Journalismus zu unterstützen.
Benjamin Schubert
Head of design
CORRECTIV
Vor 18 Jahren crackte Benjamin seine erste Photoshop-Version. Heute ist er gelernter Mediengestalter, studierter Kommunikationsdesigner und die multimediale Allzweckwaffe bei CORRECTIV. Benjamin arbeitete im Verlagswesen, in der Marktforschung, im digitalen Marketing und gründete in Berlin einen Coworking Space für Künstler. Seine Arbeiten für CORRECTIV wurden vielfach ausgezeichnet u.a. mit dem Grimme Online Award.
Belén Ríos Falcón
DesignerIN
CORRECTIV
Belén tauchte 2019 in der Welt des Journalismus als Gestalterin ein. Sie stört sich an dem Begriff „Design” und tastet sich deshalb an die Grenzen der Gestaltung mit anderen Disziplinen heran: alles lässt die Welt der Systemdenkerin weiter wachsen. Neben ihrer Arbeit bei CORRECTIV arbeitet sie u.A. mit Kulturschaffende und Start-Ups zusammen, um so für kulturelle und soziale Projekte mehr Präsenz zu schaffen. So will sie mit ihre Fähigkeiten positive Entwicklungen unterstützen.
Sophia Stahl
Volontärin
CORRECTIV
Die Cum-Ex-Deals sind schon älter als Sophia Stahl. Zeit, dass sie aufhören. Steuergelder sollen nicht mehr in den Taschen Superreicher landen, sondern in Schulen und Kindergärten. Gründe genug, bei der internationalen Recherche mitzumachen und dabei von erfahrenen Journalistinnen und Journalisten zu lernen. Sie hat Journalistik und Politikwissenschaft in Dortmund und Perugia studiert, jetzt macht sie ihr Volontariat bei CORRECTIV in Berlin.
Valentin Zick
Communication
CORRECTIV
Valentin redet gern und viel. Das hat ihn so weit gebracht, einem Master in Kommunikation an der Berliner Kunstuniversität abzuschließen. Bei CORRECTIV hat er das Reden zum Beruf gemacht. Er baut an neuen Kommunikationskonzepten, erklärt Ihnen warum die CumEx Files wichtig sind und redet viel, um Menschen für investigativen Journalismus zu begeistern.
Veröffentlicht am 21. Oktober 2021
Projektleitung: Olaya Argüeso Pérez
Recherche: Olaya Argüeso Pérez, Oliver Schröm, Manuel Daubenberger
Text: Olaya Argüeso Pérez, Jonas Seufert
Design: Benjamin Schubert, Belén Ríos Falcón
Umsetzung: Benjamin Schubert
Redaktion: Sophia Stahl, Miriam Lenz, Hatice Kahraman, Jonathan Sachse, Katarina Huth, Justus von Daniels, Gabriela Keller, Frederik Richter, Marcus Bensmann, Isabel Knippel, Max Donheiser
Kommunikation: Luise Lange-Letellier, Valentin Zick, Maren Pfalzgraf
Fotonachweise: Felix Meschede, ARD Panorama| picture alliance/dpa, Michael Kappeler | picture alliance / Eventpress | Eventpress Stauffenberg | picture alliance / Geisler-Fotopress | Frederic Kern / Geisler-Fotopress, picture alliance / Fotostand | Fotostand / Racocha, picture alliance / Eventpress | Eventpress Schraps, picture alliance/dpa | Henning Kaiser, picture alliance/dpa | picture alliance/dpa | Oliver Berg | picture alliance / Daniel Kalker | Daniel Kalker | Friso Gentsch, picture alliance / AP Photo | JAN PITMAN | TheTroothFairy (CC BY-SA 4.0) Bilddatei wurde bearbeitet | Pittigrilliderivative work: Georgfotoart (CC BY-SA 4.0) Bilddatei wurde bearbeitet
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